Betrachtung Nr. 90

Betrachtung Nr. 90

Die Geschichte vom ganz besonderen Herzen – 13. August 2020

Es war einmal ein Knabe, dessen Seele sich für dieses Leben viel vorgenommen hatte. Sie wollte sich selbst über das Herz des Knaben als mitfühlend, liebevoll, strahlend und wohlklingend erleben, sie wollte mithelfen, die Schwingung der Erde anzuheben und Frieden zu stiften, wo immer es möglich war.

Deshalb kam der Knabe mit einem sehr feinen, filigranen Herzen auf diese Welt. Einem Herzen, vergleichbar mit einem zarten Instrument aus edelsten Klanghölzern. Einem Instrument, auf dessen ebenso zarten Saiten Menschen mit viel Fingerspitzengefühl und hohen Fertigkeiten die sanftesten, himmlischsten Töne spielen, und er selbst lernen würde, die Saiten genauso liebevoll und achtsam anzuzupfen und auf sein Herz und dessen zarte Melodien zu hören.

Doch um den Knaben herum hatten die meisten Menschen Trommelherzen, ja sogar Paukenherzen. Sie kannten und wussten es nicht anders, als auf die eigenen und die Herzen der Mitmenschen zu schlagen. Sie kannten keine Saiten-Herzen, sie wunderten sich höchstens, warum das Herz des Knaben unter ihren Schlägen nicht so laut und voll klang, wie ihre Trommelherzen. Und so schlugen sie umso mehr auf dieses zarte kleine Kinderherz, anstatt es sanft zu stimmen und zu zupfen. Der Knabe kannte sich nicht so recht aus. Er fühlte sich bald irgendwie falsch gebaut, nicht am rechten Platz. Mit vielen seiner Mitmenschen kam er nicht zurecht, doch er konnte sich nicht erklären, woran dies liegen mochte. Jedoch spürte er unbewusst, dass die Trommelschläge seinem Herzen auf Dauer schadeten und so begann er, sein Herz in Schutzhaft zu nehmen. Er baute über eine lange Zeit hinweg dicke Mauern darum und deckte es mit einer dichten Plane ab. Nun war es geschützt vor den Schlägen der anderen und er selbst lernte, auf die Trommelherzen „zurückzuschlagen“.

Sein Herz indessen blieb eingesperrt, konnte die zarten Saiten nicht zum Klingen bringen, konnte nicht so leuchten, wie es ihm bestimmt war.

Der Knabe entwickelte sich zu einem großen, schönen und stattlichen Mann. Er wurde ein angesehener Handwerker und gewöhnte sich an die ständige Trommelei in seinem Umfeld. So vergingen viele Jahre. Sein eingesperrtes Herz versuchte von Zeit zu Zeit, sich bemerkbar zu machen, sich zu zeigen und ihn auf seine Seelenaufgabe hinzuweisen. Doch der Mann konnte und wollte schließlich nicht mehr darauf hören. Er betäubte sein Herz stattdessen auf vielerlei Weisen.

So oft wollte das Herz aus seinen Mauern ausbrechen, wollte gesehen und gehört werden, wollte sanft angezupft und gespielt werden, um endlich die vielfältigsten und schönsten Melodien von sich in die Welt hinauszustrahlen. Deshalb klopfte es manchmal ganz unrhythmisch in seinen edlen Klanghölzern, zupfte auf seinen Saiten so wild, wie es nur konnte. Doch seine Kräfte schwanden von Mal zu Mal ein bisschen mehr und bald wurde es ganz verzweifelt.

Eines schönen Tages, als er die Mitte seines Lebens bereits überschritten hatte, lernte der immer noch stattliche und starke Mann eine fremde Frau kennen. Die Frau war viel kleiner und zarter als er, und sie fand zu seinem und ihrem Erstaunen Gefallen an ihm. Ihm war sie nicht unsympathisch und er verbrachte mehr und mehr Zeit mit ihr. Irgendetwas an ihr schien anders zu sein, als bei den meisten Menschen, doch er kam nicht dahinter.

Die Frau indessen hatte – wie manch andere auch – die Gabe, in Herzen sehen zu können, sofern sich diese freiwillig öffnen wollten. Das Herz des Mannes freute sich und versuchte, Plane und Mauern zu sprengen. Das Schutzgefängnis war ohnehin über die vielen Jahrzehnte ein wenig brüchig geworden und bekam winzige Risse, hie und da bröckelte ein Steinchen aus der Mauer. Und so nahm die Frau bald wunderschöne helle, leuchtende Strahlen war, welche vom Herzen aus durch die haardünnen Risse der Plane drangen. Sie wusste sofort, dass dieses Herz, das trotz seines Gefängnisses wie ein heller Stern zu strahlen vermochte, ein ganz besonderes Herz war. Sie spürte deutlich, dass es eines der seltenen Saiten-Herzen war, weil auch sie ein solches besaß. Auch sie hatte ihr Herz lange Zeit hinter einer Schutzmauer versteckt gehalten, hatte es verborgen und vor allzu großem Schaden bewahrt. Vor einiger Zeit hatte sie zu ihrem großen Glück begonnen, die alten Mauern abzutragen, so dass sie ihr Herz inzwischen fein anzupfen und zum Klingen bringen konnte, wie eine Gitarre, Laute oder Ukulele. Und welch schöne Melodien erklangen da manchmal! Wie herrlich leuchtete ihr Herzenslicht in die Welt hinaus, wenn sie dies zuließ. Und wie wunderschön würde es erst anzusehen sein, wenn zwei solcherart filigrane Herzen gemeinsam strahlen und erklingen würden? Würde das nicht ganz besonders dazu beitragen, die Welt in einen friedlicheren und hoch schwingenderen Ort zu verwandeln?

Sie überlegte lange Zeit, wie sie es angehen konnte, das Herz des Mannes zu befreien oder ihm verständlich zu machen, wie fein und einfühlsam, wie verwundbar und grazil, ja wie edel und ritterlich sein Herz hinter der dicken Mauer war.

Lange fiel ihr nicht das Rechte ein, bis sie sich dazu entschloss, die Geschichte seines Herzens niederzuschreiben und sie ihm zu übergeben.

Leider ist nicht überliefert, ob und wie dies gelang.

Weil die schönsten Geschichten immer gut enden, gehen wir davon aus, dass auch die Geschichte vom ganz besonderen Herzen gut ausging.

Und wenn sie nicht gestorben sind… das kennt ihr ja!